nachgedacht - Impulse

zu St. Martin

Impulse am Lebenslauf des Martin von Tours entlang:

  • (1) "Ich sage dir, was du zu tun und zu denken hast!"

    (1) "Ich sage dir, was du zu tun und zu denken hast!"

    Ein Jugendlicher will eigene Wege gehen – und sein Vater bestimmt die Zukunft seines Sohnes

    Der römische Militärtribun ließ seine Ehre nicht gefährden und seinen Diensteid gegenüber dem Kaiser nicht brechen. Martinus, sein Sohn, wurde nach dem römischen Militär-Gesetz ein Berufsoffizier im Heer. Sein Name sollte nach des Vaters Willen für ihn Programm sein: Martinus – dem Kriegsgott Mars geweiht, also Soldat. Im Alter von rund 15 Jahren kam Martinus zur Militärakademie und wurde als Offizier ausgebildet.

    Es hatte seinen Vater nicht interessiert, dass Martinus andere Wege gehen wollte. Es gab Streit zwischen ihnen wegen des Christenglaubens, der Martinus mehr interessierte als eine militärische Elite-Karriere.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (2) Wozu ist ein Mantel da?

    (2) Wozu ist ein Mantel da?

    Ein junger Soldat gibt ein Stück seines Soldatenmantels ab, um einen Bettler vor dem Erfrieren zu retten

    Das Stadttor in der nordfranzösischen Stadt Amiens war der Schauplatz eines einfachen Ereignisses, das weltberühmt wurde.
    An einem frostigen Tag kamen die römischen Soldaten mit ihren Offizieren durch das Stadttor. Das befestigte Tor und die Wachen boten Sicherheit gegen feindliche Übergriffe. Die Häuser boten in der kalten Jahreszeit auch Schutz vor Schnee und Kälte. Wer nicht unbedingt etwas zu erledigen hatte, der blieb in der Wärme oder hielt den Aufenthalt in der Kälte recht kurz.
    Jeder konnte sehen, dass vor allem diejenigen am Stadttor waren, die nichts besaßen als das nackte Leben.

    Einen solchen Menschen, der kauernd und frierend auf der Erde saß, bemerkte der junge Offizier Martinus. Er blieb stehen, betrachtete ihn, dachte nach und zog sein Schwert. Er wollte den Mann nicht töten, ihm nicht "den Gnadenstoß versetzen". Er wollte dem Frierenden in seiner Not etwas geben, das ihm die Nacht überleben half. Deshalb teilte er seinen Offiziersmantel, der innen mit Schaffell gefüttert war. Der Spott aller anderen war ihm egal.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (3) Herz und Verstand

    (3) Herz und Verstand

    Die Entscheidung für das, was meine Religion (Weltanschauung) ist

    Martinus hatte spontan gehandelt, als er seinen Soldatenmantel mit einem Bettler geteilt hatte. Sein Herz wurde von der Not berührt und er tat, was er im Innersten für richtig hielt.

    Sein Verstand war noch nicht so weit. Im Traum verarbeitete er die letzten Ereignisse:
    Martinus sah einen Mann, einen Herrscher, der die geteilte Mantelhälfte des Bettlers in seiner Hand hielt und sie allen zeigte. Langsam erkannte Martinus, dass der Mann Jesus Christus war. Christus sagte, indem er auf den Mantel zeigte: "Martinus, der Taufbewerber (Katechumene) hat diesen Mantel mit mir geteilt."

    Martinus verstand, dass dieser Traum die Form einer Gerichtsverhandlung hatte. Am Ende der Weltzeit steht Im Bericht des Matthäus-Evangeliums ein Weltgericht. Dort wird es eine endgültige Gerechtigkeit geben und alle werden von Jesus Christus danach beurteilt, inwieweit sie sich für die Gerechtigkeit Gottes eingesetzt haben. Dafür gibt es sehr konkrete Hinweise: die sogenannten sieben Werke der Barmherzigkeit (Durstigen und Hungernden zu Essen und zu Trinken geben, Nackte bekleiden ...). Christus hatte als Richter sozusagen eine Beweisaufnahme im Gericht gemacht und als Indiz (Beweisstück) den geteilten Soldatenmantel allen gezeigt.

    Martinus hatte also aus seinem Herzen heraus spontan im Sinne Christi gehandelt und war Christ. Was ihm noch fehlte, war das bewusste und offizielle sich Entscheiden für den Christenglauben. Deshalb erkannte Martinus, was für ihn der nächste Schritt sein musste. Er wollte nicht länger Taufbewerber bleiben, sondern entschied sich für die Taufe.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (4) Feindesliebe und Kriegsdienstverweigerung

    (4) Feindesliebe und Kriegsdienstverweigerung

    Martinus setzte als Christ auf andere Mittel als Waffengewalt, um Konflikte zu lösen

    Kaiser Julian und sein Heer mussten wieder einmal die römische Limes-Grenze zu Germanien schützen. In der Nähe von Worms hatten sie ihr Heerlager aufgeschlagen und die entscheidende Schlacht mit germanischen Stämmen stand unmittelbar bevor.

    Alle Soldaten, Legionäre und und Offiziere waren vor dem Kaiser erschienen und warteten in geordneter Aufstellung auf seine Worte. Die Offiziere standen in der ersten Reihe. Es war eine bewährte Methode der Kaiser und der Feldherren geworden, die Soldaten vor dem Kampf mit Worten und Geldgeschenken aufzumuntern. So wurden die Soldaten zum Kampf für ihren Kaiser motiviert – und versicherten mit einem Treueschwur ihren Einsatzwillen.

    Da war es auch aus psychologischer Sicht ein Skandal, als der Offizier Martinus sein Geldgeschenk verweigerte und seinen Treueschwur auf den Kaiser mit Hinweis auf sein Christsein verweigerte. Kein Wunder, dass der Kaiser vor Wut den Offizier sofort ins Gefängnis setzen ließ. War Martinus als Christ zum Verräter an seinen Mitsoldaten und zum Feigling geworden?

    Martinus wollte dieses Missverständnis vermeiden und bot an, sich am nächsten Morgen ohne Waffen vor die römische Legion zu stellen und den germanischen Feinden so zu begegnen. Das nahm Kaiser Julian gerne an, weil er den alten römischen Staatsglauben wieder einführen wollte. Eine bessere Möglichkeit, den Unsinn an der neuen christlichen Staatsreligion öffentlich aufzuzeigen, konnte er kaum erhalten.

    Es kam aber nicht dazu. Die Gegner erschienen in der Nacht zu Friedensverhandlungen und ergaben sich der römischen Macht. Martinus wurde im Stillen aus dem Gefängnis entlassen und beendete seinen Militärdienst.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (5) Als Erwachsener leben und eigene Wege gehen

    (5) Als Erwachsener leben und eigene Wege gehen

    Martinus und seine Eltern

    Martinus besuchte seine Eltern, um ihnen selbst von seinem Entschluss zu berichten.

    Seine Mutter stand dem christlichen Glauben nahe und hatte ihn als Kind auch damit in Kontakt gebracht. Sie begrüßte seine Taufe. Was sie zu seinem Austritt aus dem Militärdienst sagte, ist nicht bekannt.

    Der Vater war in seiner Ehre und seinem Empfinden zutiefst verletzt. Es gab zwischen ihm und seinem Sohn keine Möglichkeit der Verständigung oder der Versöhnung. Nach diesem Bruch verließ Martinus das Haus seiner Eltern und ging den eigenen Weg als christlicher Gottessucher weiter.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (6) Lernen, in der Einsamkeit Gott zu finden

    (6) Lernen, in der Einsamkeit Gott zu finden

    Martinus erste Versuche als Einsiedler und Einzelgänger

    Martinus war von dem Gedanken begeistert, allein an einem unbewohnten Ort zu leben. Im Alleinsein und in der Stille wollte er sein Leben bedenken, Gott suchen und im Gebet sein zukünftiges Leben planen. Er hoffte auf Gotteserfahrungen wie damals in seinem Traum, als er den Mantel geteilt hatte. Gott hatte ihm dort den nächsten Schritt für sein Leben gezeigt: Seine Taufe und die offizielle Zugehörigkeit zur Kirche und zum christlichen Glauben.

    Martinus ging auf die Insel Gallinara, die in Küstennähe im Ligurischen Meer (Riviera di Ponente, Mittelmeer) liegt. Er war ein Anfänger in dieser Lebensweise, die bereits Mönche in der Wüste Ägyptens seit vielen Jahrzehnten erfolgreich erprobt hatten. Martinus hatte keine Anleitung und keinen Lehrer. Deshalb überforderte er sich in seinen Fasten-Übungen und anderen Methoden. Schließlich vergiftete er sich an wilden Beeren und entkam nur knapp dem Tod.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (7) Die Suche nach einem Lehrer, Seel-Sorger und einem Begleiter auf dem eigenen geistlichen Weg

    (7) Die Suche nach einem Lehrer, Seel-Sorger und einem Begleiter auf dem eigenen geistlichen Weg

    Martinus und der Bischof Hilarius von Poitiers

    Martinus hatte sich wieder erholt und war von seiner Vergiftung geheilt. Er hatte seine ersten Erfahrungen als christlicher Einsiedler gemacht und dabei begriffen: Ohne eine sachverständige Anleitung, ohne Lehrer und geistlichen Begleiter kommt er nicht weiter.

    Deshalb ging Martinus auf die Suche und fand schließlich den Mann, der ihm dafür geeignet erschien. Es war der Bischof Hilarius von Poitiers.

    Hilarius war ungefähr so alt wie Martin, hatte einen guten Ruf im Volk und war ein mutiger, sachverständiger und selbstbewusster Bischof. Er half Martinus nicht nur bei seiner persönlichen Suche als Einsiedler und Mönch. Hilarius erklärte Martinus auch die Bedeutung des katholischen Bekenntnisses zu Jesus Christus als Sohn Gottes. Damit ist das Glaubensverständnis von Martinus geprägt worden, das sein Handeln in allen späteren Konflikten mit dem Kaiser und anderen Bischöfen bestimmte.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (8) "Jesus, der Sohn Gottes" - Glaubensbekenntnis und Anreiz zum Widerspruch

    (8) "Jesus, der Sohn Gottes" - Glaubensbekenntnis und Anreiz zum Widerspruch

    Martinus im Glaubenskampf von zwei christlichen Glaubensrichtungen

    Martinus lebte in einer Zeit von vielen verschiedenen Religionen und einer christlichen Glaubensspaltung. Es gab zwei Möglichkeiten, Jesus von Nazareth zu verstehen:

    Entweder war ER ein besonderer und sehr einflussreicher Mensch oder ER war mehr als das: Gott, Sohn Gottes.
    Die Versammlung der christlichen Bischöfe hatte im Jahr 325 mit dem Kaiser in dessen Sommerresidenz Nizäa lange diskutiert. Der mehrheitliche Konzils-Beschluss entschied sich für das Glaubensverständnis "Jesus ist der Sohn Gottes". Damit war der Konflikt noch nicht beigelegt. Es dauerte bis ins 6. Jahrhundert, bis der Streit endgültig beigelegt war.
    Die Lage wechselte je nach Glaubensverständnis des gerade herrschenden römischen Kaisers. Viele rechtgläubige Bischöfe mussten in die Verbannung gehen. Dazu gehörte auch Hilarius von Poitiers sowie der heilige Nikolaus von Myra oder der Trierer Bischof Paulinus.

    "Jesus, Sohn Gottes" ist ein Ausdruck dafür, dass Gott kein Zuschauer unserer Welt und unseres Lebens ist. ER ist Mensch geworden und Gott geblieben (Weihnachten).
    Gott will uns so nahe wie nur möglich sein. ER hat unser menschliches Leben von der Geburt bis zum Tod mit gelebt. ER kennt Lachen und Weinen, Freude und Angst.
    Seine Auferweckung durch den Vater ist die Bestätigung dafür, dass die Liebe Gottes zu jedem Menschen stärker ist als der Tod.

    Diese Gewissheit können wir nur haben, wenn Gott konkret in unsere Geschichte gekommen ist und sie mit gelebt hat.
    Jesus als noch so wertvoller und wunderbarer Mensch ist eine Geschichte mit tragischem Ende – und die Frage nach Gottes Interesse an unserem Menschen-Schicksal wäre immer noch unbeantwortet.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (9) "Niemand glaubt für sich allein" (Benedikt XVI.)

    (9) "Niemand glaubt für sich allein" (Benedikt XVI.)

    Martinus suchte Gleichgesinnte und gründete eine Mönchsgemeinschaft

    Die Gespräche mit seinem geistlichen Begleiter Hilarius hatten Martinus dazu gebracht, eine Mönchsgemeinschaft zu gründen.

    In Ligugé lebten sie in einfachen Verhältnissen. Das gemeinsame Leben war eine andere Form des Mönchtums, das die Christen in der ägyptischen Wüste bereits erprobt und übernommen hatten.

    Es war ein Leben in der Einsamkeit der eigenen Wohnzelle. Dazu kamen gemeinsame Aufgaben wie das Feiern der Gottesdienste, notwendige organisatorische Absprachen, geistliche Gespräche. Martinus war der Vorsteher dieser Gemeinschaft. Er war vom militärischen Führer (Offizier) zu einem geistlicher Führer geworden.

    (Volker Collnet, 2017)

  • (10) Ämter in der Kirche

    (10) Ämter in der Kirche

    Martinus stimmt nur der Beauftragung zum Exorzisten zu

    Als Martinus und sein Geistlicher Begleiter Hilarius sich einige Zeit kannten, wusste Bischof Hilarius von Poitiers, dass Martinus eine starke und sachverständige Führungspersönlichkeit war. Er wollte deshalb Martinus als Mitstreiter und Führungskraft im kirchlichen Dienst gewinnen. Hilarius bot Martinus das Amt des Diakons an, ein Sprungbrett für eine kirchliche Karriere auf hoher Ebene.

    Martinus strebte diese Karriere nicht an. Er sah darin zu viele fremde und hinderliche Einflüsse auf seine angestrebte Lebensweise. Deshalb lehnte Martinus das Angebot des Bischofs ab. Später nahm er jedoch die Aufgabe des Exorzisten vom Bischof an, die keine amtlichen Beauftragung (Verpflichtung) brauchte.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (11) Der Exorzist als ein Zeichen der heilenden Kraft Gottes

    (11) Der Exorzist als ein Zeichen der heilenden Kraft Gottes

    Martinus als kraftvoll wirkender Heiler und Seel-Sorger

    Als Martinus die Aufgabe als Exorzist übernahm, war es eine einfache Aufgabe, die entsprechend begabte Christen vom Bischof erhielten. Es war kein Amt in der kirchlichen Laufbahn. Die übertriebenen Formen des Exorzismus des Mittelalters waren für Martinus und seine Zeitgenossen ebenfalls undenkbar.

    Martins Biograf Sulpicius Severus hat in seiner "Vita Sancti Martini" mehrere Berichte über Exorzismen aufgenommen. Ein Exorzismus fand in Trier statt, als Martinus den Knecht des Hauptmanns Tetradius, bei dem er zu Gast war, von einem unreinen Geist heilte. Heute steht an dieser Stelle das Martinskloster (mittlerweile ein Studentenwohnheim).

    Martinus und andere Exorzisten hatten eine erhöhte Sensibilität (Achtsamkeit) für das Vorhandensein von negativen Kräften in Menschen, Dingen, an Orten und in bestimmten Situationen. Die Aufgabe des Exorzisten war es, diese lebens- und menschenfeindlichen Kräfte (Geister, Dämonen, Teufel) aufzudecken.

    Dann bewirkte er in Gebeten und rituellen Formeln eine Kontrasterfahrung. Den negativen Kräften wurde die Kraft des christlichen Glaubens entgegengesetzt.

    Es war keine Magie, sondern

    • der Glaube an den guten Gott, der alles erschaffen hat und erhält
    • der Glaube, an den Gott, der Leben will und nicht Angst, Leid und Tod
    • der Glaube an den Heiligen Geist, der als Kraft Gottes erfahrbar und wirksam ist - und der auch in diesem Exorzismus befreiend wirkt.

    In dieser Form wurden die guten und die negativen Geister unterschieden.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (12) Bischofswahl gegen den eigenen Willen

    (12) Bischofswahl gegen den eigenen Willen

    Martinus wird Bischof von Tours

    Der Ruf des Martinus als guter Seelsorger hatte sich auch im Gebiet von Tours herum gesprochen. Deshalb wollte man ihn zum neuen Bischof wählen, als die Bischofswahl nötig wurde. Die Menschen wussten, dass Martinus sein Leben in der klösterlichen Gemeinschaft nicht aufgeben wollte und aus Prinzip keine kirchlichen Ämter anstrebte.

    Deshalb wandten die Verantwortlichen in Tours eine List an. Sie riefen Martinus, damit er die Aufgabe des Exorzisten an einer jungen Frau übernehmen sollte. Damals gehörte zur Wahl des Bischofs nicht nur der Wahlvorschlag, sondern auch die Zustimmung des Volkes (Klatschen als Zustimmung – Akklamation).

    Als Martinus kam, wurde er regelrecht überrumpelt. Verantwortliche und Kirchenvolk hatten sich abgesprochen. Durch Vorschlag der Verantwortlichen und den spontanen Beifall aller Anwesenden waren die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt.

    Martinus stellte als Bedingung, dass er und seine Mönchsgemeinschaft fortbestehen und er weiter bei seinen Mönchen wohnen wollte. So wurde auf der rechten Loire-Seite (gegenüber von Tours) das Kloster Marmoutier gegründet. Martinus blieb weiter der Vorsteher der Mönchsgemeinschaft.

    Für seine Aufgaben als Bischof fuhr er mit einem Schiff auf die Stadtseite des Flusses nach Tours.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (13) Bischof und Seelsorger für die Menschen im ländlichen Raum

    (13) Bischof und Seelsorger für die Menschen im ländlichen Raum

    Martinus gründete Landpfarreien, ließ dort Kirchen bauen und beauftragte eigene Priester für die Seelsorge auf dem Land

    Martinus traf auch als Bischof von Tours viele richtungsweisende Entscheidungen.

    In seiner Zeit waren die christlichen Kirchen und Amtsträger fast ausschließlich in den Städten. Die Christen, die auf dem Land lebten, mussten den Weg in die Städte gehen, um Gottesdienste zu feiern, Sakramente zu empfangen oder kirchliche Unterstützung zu erhalten (Caritas, Diakonie). Deshalb war eine Ausbreitung des damals neuen christlichen Glaubens auf dem Land viel schwieriger als in den Städten.

    Martinus nutzte seine Erfahrungen als Exorzist und ging bei der Glaubensverkündigung im Umland von Tours in zwei Schritten vor:

    Zunächst setzte er als Exorzist seine Gabe ein, Gottes Macht erfahrbar werden zu lassen. Er suchte Machtproben zwischen Gott und den alten römischen oder keltischen Gottheiten. Nach einer Vorbereitung durch Gebet und die Bitte um Gottes Heiligen Geist schritt er dann unter Lebensgefahr zur Tat. Er fällte heilige Bäume und stürzte Götterstatuen. Die Wirkung war beeindruckend für alle. Sie fragten nach dem mächtigen Gott des Martinus, der stärker als ihre Götter war.

    In einem weiteren Schritt kümmerte sich Martinus um eine zuverlässige und ortsnahe seelsorgliche Begleitung der neu gewonnen Christen auf dem Land. Er gründete Landpfarreien mit eigenen Kirchen und Seelsorgern (Pfarrern), die zentral lagen und für alle aus dem Umland gut erreichbar waren. So wurden die neuen Christen in ihrem Glauben durch Belehrung, Feier der Sakramente und auch aktive Armenfürsorge gestärkt.

    Martinus war als Bischof die verbindende und respektierte Führungsperson für alle Christen im Gebiet von Tours und der Umgebung.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (14) Ein Bischof als Außenseiter

    (14) Ein Bischof als Außenseiter

    Martinus als unbequemer Kollege im Bischofsamt

    Martinus wusste, warum er das Bischofsamt zunächst nicht annehmen wollte:
    Die meisten seiner Mitbischöfe lebten vor allem ihre römische Beamtenkarriere. Sie waren eher darauf bedacht, ihre Stellung als hoher Staatsbeamter zu sichern und auszubauen. Seelsorgliche Fragen und Einsatz für den christlichen Glauben beschäftigten sie weniger. Deshalb gab es auch eine große Zahl von Bischöfen, die in den Glaubensstreitigkeiten dieser Zeit vor allem darauf achteten, mit dem Kaiserhaus bzw. den einflussreichen Kreisen nicht in Konflikt zu geraten.

    Martinus war es gewohnt, für seinen Glauben zu kämpfen. Er hatte seinen Standpunkt gefunden und war von seinem Lehrer Hilarius von Poitiers theologisch gut ausgebildet worden. Schon als Soldat hatte er eine Ausbildung als Führungsperson erhalten. Er war der Sohn eines noch höheren Beamten (Militärtribun) und besaß eine natürliche Autorität, die von sich aus Respekt einforderte und ausstrahlte.

    Viele seiner Kollegen im Bischofsamt waren daher ihm gegenüber zurückhaltend, teilweise auch neidisch. Sie fanden jedoch nur äußerliche Angriffspunkte, die sie gegen ihn vorbrachten:

    • Das war zunächst seine Aufgabenteilung als Vorsteher einer Mönchsgemeinschaft und das Amt des Bischofs.
    • Dann störten sie sich an seiner einfachen Kleidung und an seinem einfachen Auftreten als Bischof.
    • Manche standen Martinus feindlich gegenüber, weil er eine andere Glaubensauffassung hatte als sie.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (15) Nächstenliebe und Gottesdienst

    (15) Nächstenliebe und Gottesdienst

    Martinus und ein Diakon – Aufgabe und Wert der liturgischen Kleidung

    Der Biograf von Martinus berichtet, dass ein Bettler vor der Bischofskirche stand und den Diakon, der für die Armenfürsorge verantwortlich war, um etwas zum Anziehen bat. Der Diakon ging zu Martinus und bat ihn, um eine Entscheidung, was er dem Bettler geben sollte. Martinus sagte, er solle ein gutes Untergewand für die Messgewänder (Albe) holen und dem Bettler geben. Als der Diakon die Kleidungsstücke begutachtete, fand er, dass das abgetragene und älteste Gewand für den Bettler genügen wurde. Er nahm es und gab es dem Mann vor der Kirchentür.

    Am Abend feierte Bischof Martinus den Gottesdienst. Viele waren verwundert und der Diakon völlig erschrocken, als sie ihren Bischof sahen. Martinus trug das alte und unansehliche Untergewand des Bettlers. Er war dem Diakon gefolgt und hatte dem Bettler das gute Untergewand gegeben. Das schlechte hatte er wieder mitgenommen.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (16) Eigenwilliges Benehmen in vornehmer Gesellschaft

    (16) Eigenwilliges Benehmen in vornehmer Gesellschaft

    Martinus zu Gast beim Kaiser

    Martinus war mehrfach bei den römischen Kaisern als Gast. Als angesehener Bischof brachte er oft die Interessen der Kirche in Verhandlungen ein. Die Kaiser sahen sich auch als Herrscher über die Kirche, während Martinus und viele andere Bischöfe die Eigenständigkeit der Kirche in Glaubensfragen betonten.

    Auf diesem Hintergrund wurden zwei Ereignisse von Martins Biograf berichtet, von denen eines sprichwörtlich geworden ist:

    Einmal kam Martinus als Vertreter einer Bischofsdelegation zum römischen Kaiser, der auf seinem Thron saß. Als er Martinus sah, erhob er sich nicht, um ihm entgegen zu kommen. Er blieb sitzen, um zu zeigen, dass er der Herr und Martinus der untergebene Kirchenmann wäre. Martinus blieb stehen und sah den Kaiser lange an. Dann merkte der Kaiser, dass Feuer auf seinem Stuhl zu brennen begann. Deshalb erhob er sich und begrüßte Martinus im Stehen. Der Kaiser saß buchstäblich "auf einem heißen Stuhl". Martinus hatte dem Kaiser "Feuer unter den Hintern gemacht" bzw. "ihm Beine gemacht". Vielleicht war es auch nur der feurige Blick des Exorzisten, der den Kaiser zur Besinnung brachte.

    Ein anderes mal saßen die Bischöfe mit dem Kaiser zusammen. Das Essen wurde mit einem Spruch des Kaisers begonnen, der danach seinen Becher an Martinus weitergab. Das war eine ehrenvolle Auszeichnung. Die Tischregel verlangte von Martinus, dass er mit Respekt den Becher an den Kaiser zurückgab. Martinus machte etwas anderes, um zu zeigen, dass die Kirche nicht dem Kaiser untersteht. Er gab den Becher anstatt zum Kaiser zurück an einen anderen Bischof, der neben ihm saß.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (17) Religion rechtfertigt keine (tödliche) Gewalt gegen Andersgläubige

    (17) Religion rechtfertigt keine (tödliche) Gewalt gegen Andersgläubige

    Martinus kämpfte vergeblich gegen die Todesurteile für Mitglieder einer christlichen Sekte

    Im Alter von fast achtzig Jahren ging Martinus von Tours zum letzten Mal in die Kaiserstadt Trier. Er wollte seinen ganzen Einfluss aufbieten, um das Todesurteil für Mitglieder einer christlichen Sekte um den Spanier Priszillian zu verhindern.

    Es wäre das erste Mal gewesen, dass Christen über andere Christen ein Todesurteil beschließen würden. Für Martinus stand nicht nur das Leben dieser zum Tode Verurteilten auf dem Spiel. Es ging dabei auch um die Glaubwürdigkeit des Christentums als Religion. Dieses Verhalten widersprach der christlichen Lehre, für die Martinus stand, ganz grundsätzlich. Martinus sah in jedem Menschen einen Bruder bzw. eine Schwester des Herrn Jesus Christus. Er dachte an die Gebote der Bergpredigt Jesu über die Feindesliebe, das Verbot, Gewalt anzuwenden und das Verbot, (selbstherrlich) zu richten über andere.

    Leider blieben alle Versuche von seiner Seite erfolglos und die erste Ketzer-Verbrennung im Namen des christlichen Glaubens fand vor dem Kaiserpalast (Basilika) in Trier statt.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (18) Die Messfeier wurde als Machtinstrument missbraucht

    (18) Die Messfeier wurde als Machtinstrument missbraucht

    Martinus wurde gezwungen, gegen seinen Willen die Messe mit den gegnerischen Bischöfen zu feiern – um keine Spaltung zu vertiefen und die Einheit der Kirche offiziell zu zeigen.

    Martinus war schon durch das vollzogene Todesurteil gegen die Mitglieder der christlichen Sekte erschüttert. Der Kaiser nutzte diese Lage aus, um nach dem Todesurteil die (angebliche) Einheit seiner katholischen Reichskirche zu demonstrieren, die aus diesem "Reinigungsprozess" gestärkt herausgegangen wäre. Martinus wurde vom Kaiser unter extremen Druck gesetzt, an dieser Feier mit den anderen Bischöfen teilzunehmen. Er nahm an diesem "Blutgottesdienst" teil und verließ sofort danach die Kaiserstadt.

    In der Nähe von Echternach (Luxemburg) brach er körperlich und seelisch erschöpft zusammen. Er kam zeitlebens nicht mehr nach Trier. Er regelte nur noch die Angelegenheiten in seinem Bistum Tours.

    (Volker Collinet, 2017)

  • (19) Tod nach einem Seelsorge-Gespräch

    (19) Tod nach einem Seelsorge-Gespräch

    Martinus starb in Candès bei Tours, nachdem er einen Konflikt zwischen zwei Priestern gelöst hatte.

    Martinus war inzwischen über achtzig Jahre alt. Es gehörte zu seinem Alltag, die Seelsorge in den ländlichen Gebieten seines Bistums zu überprüfen und in strittigen Fragen zu vermitteln bzw. zu entscheiden.

    Deshalb ging er zu zwei Priestern nach Candès und erreichte eine Einigung. Dann verstarb er plötzlich.

    Der Biograf Sulpicius Severus berichtete, dass Martinus wohl als Exorzist die Nähe des Teufels gespürt hatte, denn seine letzten überlieferten Worten waren: "(Teufel). Mich kriegst du nicht! Ich gehe zu Gott."

    (Volker Collinet, 2017)